Apr 23 2009

Elektrifizierung und Sowjetmacht - Tagesseminar über Zweck und Realität der gesellschaftlichen Reproduktion im Realsozialismus. Am 20. Juni in Berlin

„Jahrzehntelang taten wir ein großes Werk, predigten den Sturz der Bourgeoisie, lehrten Mißtrauen gegen die bürgerlichen Spezialisten, entlarvten sie, nahmen ihnen schließlich die Macht und brachen ihren Widerstand. [...] Wir haben Rußland überzeugt, wir haben Rußland den Ausbeutern abgerungen für die Werktätigen, wir haben die Ausbeuter unterdrückt - nun müssen wir lernen, Rußland zu verwalten.“* Das schrieb Lenin 1921. So sehr die Revolution zu feiern ist, das Schwerste kommt danach: die bewusste Einrichtung eines gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhangs.

Um solche Versuche in Folge der Oktoberrevolution wird es auf dem Tagesseminar gehen. Welche Ansätze gab es überhaupt? Ging es darum, die Verwaltung und Planung in die Hände der Menschen zu legen? Ging es darum, die Bedürfnisse aller besser zu befriedigen? Welche Rolle spielten solche menschenfreundlichen Zwecke in der realsozialistischen Gesellschaft? Und wie wurden sie in der Konfrontation mit der damaligen Wirklichkeit verändert oder korrumpiert?

* W. I. Lenin, „Über den einheitlichen Wirtschaftsplan“, in: ders., Ausgewählte Werke, Bd. III, Dietz Verlag, Berlin 1970, S. 637

Verbindliche Anmeldung ist erforderlich unter info[at]paeris[dot]net.


Apr 23 2009

Projektionsfläche Israel - Tagesseminar zu Antizionismus - Israelkritik - Antisemitismus. Am 4. Juli in Berlin

Antizionismus, das ist doch etwas ganz anderes als Antisemitismus. Man dürfe ja wohl den Staat Israel kritisieren, ohne gleich als Judenfeind dazustehen, echauffieren sich kritische Seelen in aller Welt. Schon die Aufgeregtheit, mit der auf Ereignisse in Israel reagiert wird, die kaum in die Nachrichten gekommen wären, wenn sie anderswo auf der Welt passiert wären, gibt zu denken.

Das jüngste Beispiel hierfür ist der Gaza-Krieg, der im Januar hunderttausende Menschen dazu veranlasste, öffentlich ihre Meinung zur Vorgehensweise des israelischen Militärs kundzutun. Beliebtes Stilmittel sind dabei Vergleiche mit dem Nationalsozialismus: die Israelis würden wie ehemals die Nazis agieren, den Palästinensern wird die Rolle der verfolgten Juden zugeschrieben. Diese Gleichsetzung inspirierte Demoslogans wie „Stoppt den Holocaust in Gaza!“, „Zionisten sind Rassisten!“ oder die Rede von den „Opfern der Opfer“. Dieser Logik, die sich auch unter deutschen Linken einiger Beliebtheit erfreut, entspricht auch die Vorstellung vom Konzentrationslager als „moralischer Besserungsanstalt“, die doch die Juden eigentlich zum friedlichen Zusammenleben mit den Palästinensern hätte befähigen sollen. Dem entgegen steht die Forderung des antideutschen Teils der Linken nach zum Teil bedingungsloser Solidarität mit Israel als Schutzraum vor antisemitischer Verfolgung und Hort der Zivilisation im Nahen Osten.

Warum spielt gerade die Positionierung zum Nahostkonflikt eine so zentrale Rolle im Selbstverständnis verschiedener Linker? Worin besteht die Beziehung zwischen Antizionismus und linker Bewegung und wie hat sie sich historisch entwickelt? Auf dem Seminar soll dies ebenso untersucht werden wie die Frage, wie Antizionismus und Antisemitismus sich zueinander verhalten.

Verbindliche Anmeldung ist erforderlich unter info[at]paeris[dot]net.


Apr 23 2009

Freiheit von Gewicht - Tagesseminar zu Freiheit und dem Doppelcharakter gesellschaftlicher Reproduktion. Am 17. Oktober in Berlin

Nach dem bürgerlichen und dem anarchistischen Begriff ist Freiheit gleichermaßen Abwesenheit von Zwängen, mit dem einzigen, aber doch großen Unterschied, dass Anarchisten die kapitalistische Produktionsweise durchaus als Zwangsverhältnis erkennen und nicht im Gegenteil als die Gesellschaft, die als erste die Freiheit verwirklicht hätte. Beide Begriffe sind aber mangelhaft insofern, als sie Freiheit rein negativ fassen. Die Welt soll das Subjekt in Ruhe lassen, ansonsten darf sie sein, wie sie will. Damit beschränkt sich der Wunsch nach Freiheit aber immer darauf, von den gegebenen Möglichkeiten alle nutzen zu dürfen und darin nicht beschränkt zu werden. Und das ist mies, wenn der gegebene Möglichkeitsraum nur Beschissenes bietet.

Auf dem Seminar soll es dagegen um eine bestimmte Negation der klassischen Freiheitsbegriffe gehen, wie sie von Hegel und Marx schon vorgedacht wurde - um eine Freiheit, die sich nicht von der Welt abgrenzt, auf subjektives Handeln, Wählen oder gar Denken beschränkt, sondern im Gegenteil zur objektiven Grundlage der Materialität werden muss.

Das Seminar unterstützt die aktuelle antinationale Kampagne von TOP B3rlin.

Verbindliche Anmeldung ist erforderlich unter info[at]paeris[dot]net.


Apr 23 2009

We‘re A Happy Family - Tagesseminar zum gegenwärtigen Nationalismus und seinen schon etwas älteren Prinzipien. Am 7. Juni in Berlin

Deutschland gibt sich weltoffen. Regierungsgebäude aus viel Glas und ohne Zäune suggerieren „Transparenz“, nationale Kunst und Kultur werden bis nach Dubai gefördert, Deutschland will eigentlich Europa sein und die Welt ist zu Gast bei Freunden. In den Köpfen dieser Freunde hatte sich die Aufteilung der Welt in Nationen auch schon vor der Einschwörungskampagne „Du bist Deutschland“ als natürliches und irgendwie positives Verhältnis festgesetzt, und von dort bis zur Parteinahme für die „eigene“ Nation ist es nur noch ein Steinwurf.

All diese Dinge eint das – im Kapitalismus nicht zufällig auftretende – Bedürfnis, den Reproduktionszusammenhang als symbiotische Beziehung der Menschen in einer starken und erfolgreichen Nation vorzustellen; und nicht als das innergesellschaftliche Handgemenge, das er ist.

Schon der simple Schluss, dass eine Nation nur im Kontext internationaler Konkurrenz, also stets zum Nachteil anderer Nationen „stark und erfolgreich“ sein kann und dafür den Krieg als Ultima Ratio stets parat haben muss, fällt niemandem mehr ein. Von den Brüchen im „Inneren“ wie Klasse, Geschlecht und Hautfarbe ganz zu schweigen.

Der bloßen Kritik der je aktuellen Erscheinungen des Nationalismus fällt stets nur das neue Level das Flaggeschwenkens und Steinewerfens auf. Ihr entgeht meist, dass gerade die Nation selbst (und ihre zärtlichste Affirmation im besorgten Liedermacherlied) weder vorteilhaft für die Menschen, noch irgendwie ‚natürlich‘ ist. Auf der anderen Seite wirkt auch die systematische marxistische Kritik an der Nation verschnarcht, wenn sie das immergleiche Verhältnis zwischen Nation, Staat und Kapital kritisiert, ohne die aktuellen Erscheinungsweisen sinnvoll darauf zu beziehen. Wir planen, beides zu tun. Nur so lässt sich die neuartige Blindheit der WM-Euphorie bei gleichzeitiger Militarisierung der EU-Außenpolitik sinnvoll kritisieren.

Das Seminar unterstützt die aktuelle antinationale Kampagne von TOP B3rlin.

Verbindliche Anmeldung ist erforderlich unter info[at]paeris[dot]net.


Nov 25 2008

[pæris] bei twitter

Jetzt kann man [pæris] bei twitter folgen. Einfach folgende URL aufrufen:http://twitter.com/paeris und auf “follow” klicken. Dazu braucht man natürlich einen Twitter-Account.


Okt 12 2008

Was Dich nicht umbringt, macht Dich kaputt - Tagesseminar über die Hartz-Gesetze am 7. Februar 2009 in Berlin

Die 2002/03 verabschiedeten Hartz-Gesetze senkten wie beabsichtigt das Lohnniveau, vergrößerten die Schar der Working Poor und verschlimmerten nachhaltig die Lebenssituation derjenigen, für deren Arbeitskraft keine Verwendung besteht.
Neben der materiellen Härte gibt es mit Hartz 4 einen massiven Wandel im Ausmaß des staatlichen Zugriffs auf die Einzelnen, hin zu einer Rundumverfügungsmacht über sämtliche Zeit und Lebenspläne: Zwangsbeschäftigung kann man kaum widersprechen, ohne massive finanzielle Einschnitte in die ohnehin knappe Grundversorgung, Sozialdetektivinnen forschen das Wohnumfeld von Alg-2-Beziehern aus, und selbst am Wochenende kann die Abwesenheit vom Wohnort verboten werden.
Diese von Kritikerinnen als Verfolgungsbetreuung benannten Maßnahmen suchen gerade den gezielten Eingriff in die Intimsphäre, um so viele wie möglich aus den staatlichen Leistungen zu treiben. Das Gefühl der Fremdbestimmung der eigenen Lebenszeit und totaler Ohnmacht soll dazu nötigen, jede noch so elende Lohnarbeit als Verbesserung anzunehmen. Einschüchterung ist oberste Maxime.
Die Hartz-Gesetze im Allgemeinen und auch diese Techniken der Entsubjektivierung wurden vielfach diskutiert. Es wurde darin das Rückfallen hinter liberale Grundsätze des Rechtstaats gesehen, eine Hinwendung zum autoritären Staat und zur Zwangsarbeit, das Ende der bürgerlichen Gesellschaft oder auch das sinnlose letzte Zappeln des Spätkapitalismus. Wir wollen diskutieren, was von diesen Einschätzungen zu halten ist, wie sich der Zweck der Reformen zu diesen entsubjektivierenden Maßnahmen verhält und ob es tatsächlich einen Bruch im liberalen Selbstverständnis gab.


Okt 11 2008

2 neue [pæris]-Tagesseminare

Das [pæris]-Programm für den Winter 2008/2009 ist nun erschienen. Im Januar 2009 wird es ein Tagesseminar über Körper unter der Herrschaft der Kapitalistischen Produktionsweise geben, im Februar dann über die Hartz-Gesetze. Anmeldung für die Seminare und weitere Infos unter info@paeris.net


Okt 11 2008

Do Cyborgs* Dream of Electrification plus Soviet Power**? Tagesseminar über Körper unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise am 10.01.2009 in Berlin

 

Menschen sind irgendwie als vernunftbegabte Sinnenwesen zu bezeichnen. Darauf können sich außer Postmodernen wohl die meisten Menschen einigen. Nur: was heißt das eigentlich? Heißt das, dass Menschen auf der einen Seite reines Denken sind und auf der anderen Seite Körper haben im Sinne von Organismus mit zwei Beinen, zwei Armen, Magen, Lunge, Leber und all dem anderen Kram, den man so im Biologieunterricht zum Menschen beigebracht bekommt? Wir meinen, nicht. Erstens: Mindestens ebenso wichtig wie Hände zu haben, ist doch die Möglichkeit, seine Umwelt über eine entwickeltes System aus mechanischer, biologischer, chemischer und kybernetischer Technologie begreifen und verändern zu können, oder sich in ihr zu bewegen: sei das durch Autofahren, Mobilkommunikation, Kopfschmerztabletten oder Schusswaffen. Der sozusagen gesellschaftliche Körper von Menschen ist potentiell in ganz anderen Dimensionen wirkungsmächtig als dasjenige, was man als Natürliches erklärt bekommt. Und zweitens: Der gesellschaftliche Stand der Technik ist ziemlich weit durch Wissenschaft bestimmt. Marx nennt das je existierende System der Maschinerie deshalb sogar General Intellect. Schon deshalb sind Geist und Körper einander nicht einfach entgegenzustellen.

Gleichzeitig heißt das nicht, dass Organe, Nerven und Kreislaufsystem gar keine Rolle mehr spielen, sondern sie gehen nur in neuen gesellschaftlichen und technologischen Umwelten immer wieder neue Verbindungen ein: Hände am Lenkrad, Handy am Ohr und Aspirin im Kreislauf. Es heißt dagegen leider schon, behaupten wir, dass die jeweiligen gesellschaftlichen Zwecke sich gemeinsam mit der Technologie in die Körper einschreiben, genauso wie die mit ihnen verbundene Gewalt. Zwar ist in der gegenwärtigen Technik und Maschinerie, viel Freundliches als reale Möglichkeit vorhanden, aber diese Möglichkeiten werden unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen nie, oder nur für einige Wenige realisiert.Und häufig wird auch die Technologie selbst viel weniger freundlich als sie sein könnte, weil der Zweck ihrer Produktion eben nicht die Menschen sind, sondern die Kapitalakkumulation. Was das alles genau bedeutet, was es für gemeine aber auch potentiell emanzipatorische Auswirkungen auf menschliche Körper hat,und warum Menschen heute trefflich als Cyborgs, keineswegs aber als denkende Tiere bezeichnet werden können, wollen wir auf dem Seminar untersuchen, mithilfe von Donna Haraway, Dietmar Dath, Beatriz Preciado und Karl Marx als Stichwortgebenden - und mit ein bisschen Science Fiction und einiger Real World als Material.

 

 

*Wikipedia über Cyborgs: Der Begriff Cyborg bezeichnet ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Zumeist werden damit Menschen beschrieben, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bausteine ergänzt wird.

 

**Lenin über Sozialismus


Jun 19 2008

Setzen, Sechs - Seminar zur Kritik der Schule

11./12. Juli 2008 in Berlin

Früh morgens aufstehen - Angebrüllt werden oder verständnisvolle Lehrerinnen ertragen - Klausuren und Noten - Auswendiglernen - Sich auf Kommando sportlich betätigen - “Pubertär” oder “engagiert” genannt werden - Aufsätze über blödsinnige Fragestellungen schreiben - Ex-Linke LehrerInnen - Bleierne Langeweile – An die Tafel müssen - Auf Konstruktivität verpflichtet werden – Lehrplanwissen – Staatsbürgerkunde. Und dann sind da auch noch die Mitschüler, die all ihre Kreativität ausspielen, um dem ganzen Horror des Schulalltags noch die besondere Note zu geben.

Im Rückblick auf die Schulzeit werden diese Erfahrungen oftmals verkitscht. Nicht nur der Film `Feuerzangenbowle´ weiß um die Schönheit des SchülerInnenlebens, noch der autoritärste Lehrer und das harschste Gewalterlebnis wird als Meilenstein des früheren Glücks verklärt. Andere widersprechen bei einigen Punkten jedoch deutlich: Auswendiglernen, Frontalunterricht und autoritär Lehrende sollten durch Erziehung zur Mündigkeit ersetzt werden. Manch einer fordert den kreativen Unterricht - als Gipfel der Rebellion setzt der Pädagoge, der gerade mit Reformeifer von der Universität kommt, die Hufeisenform der Schulbänke durch. Erziehung zur Freiheit soll es sein, und dafür braucht es Lehrerinnen, die zwar all die Gepflogenheiten wie Noten und Lehrplanwissen nicht kritisieren sondern exekutieren, aber doch gleichzeitig gegen die konservativen Lehrer aufbegehren und den Liberalen raushängen lassen. Wir wollen diskutieren, inwiefern sich diese beiden Konzeptionen möglicherweise doch nicht so sehr unterscheiden. Für diese Frage wollen wir eine Folge der ‚Gilmore Girls’ oder den Film ‚Club der Toten Dichter’ anschauen.

Doch dieses Schulsystem leistet sich auch Kritikerschulen. Neben den Waldorf-Schulen haben sich auch grundlegendere Kritikerinnen an einer “neuen Schule” versucht, die aber im Gegensatz zur Waldorf-Pädagogik von den staatlichen Bildungswächtern eher mit Misstrauen betrachtet wurden und werden. Schluss mit dem “Notenterror” hatten sich diese Kritiker vor allem in den 60er und 70er Jahren auf die Fahnen geschrieben und ließen selbst die Anwesenheitspflicht beim Unterricht ruhen. Doch warum gebärdet sich ihre Verteidigung (von Summerhill bis Glocksee, von A.S. Neill bis Celestin Freinet) immer gleich als großes Dementi einer grundlegenden Schulkritik?

Das scheint kein Zufall zu sein. Wir wollen uns zusammen die Gründe näher anschauen, die diese Schulen scheitern ließen. Das führt zu der Frage, warum all die unschönen Dinge so notwendig auftauchen. Hierfür wollen wir uns gemeinsam in der Diskussion und anhand von Texten und Lehrplänen klar werden, welchen Zweck in der hiesigen Gesellschaft die Schule besitzt und wie das mit der grundlegenden Verfasstheit dieser Gesellschaft und deren Bedarf nach ausgebildeten Staatsbürgern zusammenhängt. Und warum die Schülerinnen untereinander nicht zufällig die Ellenbogen ausfahren, nicht abschreiben lassen, wild stolz auf ihre Noten sind und entlang dieser genau wissen, wer die ‚Streberin’ und wer der ‚Doofe’ der Klasse ist.

Und nicht erst seit der PISA-Studie verstärkt sich der Druck auf die Schüler und Studentinnen durch Budgetkürzungen, Schulvergleiche und Studiengebühren. Werden nun Räume ökonomisiert, die es vorher nicht waren? Wird Bildung eine Ware? Und hat das alles was mit dem oft gehörten Wort ‚Neoliberalismus’ zu tun? Was sich da wieso ändert, soll also ebenfalls diskutiert werden. Vorwissen nicht erforderlich.

Beitrag für Unterkunft, Verpflegung und Materialien 5 Euro.

Anmeldung über info@paeris.net.


Nov 30 2007

FETISCH. Selber denken, was alle denken

Wochenendseminar zum Fetischcharakter des Kapitals vom 25.-27. Januar 2008 in Berlin

Nicht davor zurückschrecken, das eigene Hirn einzuschalten, forderte die Aufklärung. Wo damals die Gesellschaft ganz eifersüchtig ihre Vorstellungen vor jeder Prüfung hütete, und die bloße Existenz dieser Vorstellung schon als Bewährung galt, brauchte es wirklich Mut zu selbständigen Urteilen. Heute gelten die als Standardwährung und werden als Ausweis von soft skills von jeder BewerberIn erwartet. Aber was wird aus der Aufklärung, wenn all die eingeschalteten Hirne ganz selbständig auf verkehrte Vorstellungen kommen, weil diese Verkehrung aus der Funktionsweise der Gesellschaft selbst hervorgeht, wie Marx meint? Er nennt das objektive Gedankenformen oder Fetischismus, wenn fälschlich als notwendige Eigenschaften der Dinge erscheint, was nur in der besonderen Organisationsweise dieser Gesellschaft besteht. Was das eigentlich genau heißen soll und inwiefern dieses Konzept ideologische Strukturen begreifen hilft, wollen wir uns anhand von Marx’ Ausführungen über den Fetisch anschauen. Wir glauben aber, dass diese falschen Vorstellungen nicht aus der reinen Ökonomie des Kapitals resultieren, sondern es eines häufig unterschätzten subjektiven Moments bedarf. Wie man mit diesem Wissen Aufklärung anders fassen und betreiben könnte, wollen wir mit Euch diskutieren.

(Teilnahmebeitrag 15 Euro. Darin enthalten sind Übernachtungen, Essen und Seminarunterlagen.)

DESIRE LESS. Welcome to the Pleasuredome

Tagesseminar über Bedürfniskritik und das Unechte, Künstliche und Oberflächliche am 23. Februar 2008 in Berlin.

Dass mit der Art und Weise, in der heutzutage konsumiert wird, irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht, findet so ungefähr jeder. Leute konsumieren lauter Zeug, bei dem man sich fragt, warum zum Teufel irgend jemand so was haben will. Der eine sammelt Spitzendeckchen, die andere braucht immer das neueste Mobiltelefon, der andere wieder jagt One-Night-Stands hinterher. Das wirkt irgendwie zwanghaft und man ist geneigt, sich sehr zu wundern, warum Menschen solchen offensichtlich sinnlosen Kram machen.

Aber andererseits: Warum eigentlich nicht? Warum muss eigentlich alles immer sinnvoll sein? Warum ist es so verdächtig, wenn jemand so was macht, ohne sagen zu können, wozu es taugt? Und wenn eine Hartz-IV-Empfängerin ein Loblied auf die Sparsamkeit und Nachhaltigkeit singt, dann scheint uns der Grund nicht allein in der Einsicht zu liegen, dass Materie endlich ist, und irgendwann Metall und Parkplatz ausgeht, wenn jeder tausend Autos haben will, sondern uns scheint da etwas mindestens ebenso Zwanghaftes drin zu stecken, wie im Sammeln von Handys. Ähnliches ist bei rigiden Antialkoholikerinnen und Nichtrauchern zu beobachten, bei denen die Härte ihres Vorgehens uns nicht allein realistisch auf gesundheitliche Risikoabschätzung zurückführbar scheint, oder bei Ökos und deren Ablehnung jedes Apfels, der zu freundlich glänzt.

Obwohl also Konsum heute in mancher Weise komisch verläuft, scheint uns Konsum- und Bedürfniskritik auch nicht der rationale Umgang damit zu sein. Wie eine Kritik genauer aussehen müsste, die beiden Seiten gerecht wird, wollen wir auf dem Seminar erarbeiten, indem wir die Phänomene, um die es geht, genauer untersuchen, genauso wie die Theorien, die sich um diese Phänomene ranken. Hatte Michael Ende Recht, wenn er meinte, dass Sprechpuppen die Phantasie zerstören, oder hat doch eher Michael Ende unser Leben zerstört? Hat das Halbbildungsbürgertum recht, wenn es sagt, Fernsehen mache dumm? Haben Grüne recht, wenn sie meinen, ein Wollpullover sei besser als die aktuelle Roberto-Cavalli-Kollektion von H&M? Und haben die Linken recht, wenn sie sagen, ein Döner sei besser als ein BigMac? Wir wollen jetzt natürlich nicht Stiftung Warentest ersetzen und in die Produktanalyse einsteigen, sondern unter Mithilfe von Bourdieu und Adorno genauer hinsehen, was eigentlich an Produkten, ihrem Konsum und besonders dem Verhältnis der Konsumierenden zu ihren Wünschen so schlecht sein soll oder ist. Uns scheinen dabei immer wieder Begriffe wie „Echtheit“, „Natürlichkeit“ und „Tiefe“ die Ideale zu sein, an denen Produkte und Konsumverhalten gemessen werden. Wir werden also diese Begriffe durchleuchten, viel Schlechtes, aber auch ein bisschen Richtiges in diesen Idealen finden, und darüber hinaus feststellen, dass diese Ideale weder reine Wahrheit noch einfach nur individuelle Meinung sind, sondern selbst durchaus wesentlich mit der Gesellschaft zu tun haben, in der wir leben müssen.

(Kein Teilnahmebeitrag. Von uns gibt es Kaffee und einen Reader. Zeit: 11 bis 20 Uhr)

Wenn Ihr Euch für eins der Seminare anmelden möchtet, schickt eine Email an info@paeris.net.